Export und ZollPraxis kompakt

Der Brexit – Auswirkungen auf Spedition und Logistik

Sicherstellung der Versorgung entlang der Supply Chain

Text: Wolfgang Rieß | Foto (Header): © ANDREW NORRIS – stock.adobe.com

Die EU und das Vereinigte Königreich haben sich auf ein umfassendes Abkommen geeinigt und somit die künftigen Beziehungen umfassend neu gestaltet. Die Zustimmung aller 27 Mitgliedstaaten wurde am 29.12.2020 erteilt. Somit gilt das Abkommen vorläufig, bis das Europäische Parlament das Abkommen geprüft und ebenfalls seine Zustimmung erteilt hat. Aber was bedeutet dieses Abkommen für den Warenhandel mit Großbritannien, für die Firmen auf dem Kontinent, für die Logistiker? Kurzum für die Supply Chain?

Auszug aus:

Zoll.Export
Ausgabe April 2021
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Seit dem 01.01.2021 ist das Vereinigte Königreich (VK), auch unabhängig von dem neuen Abkommen, nicht mehr Teil des Binnenmarktes und der Zollunion der Europäischen Union (EU). Der vereinbarte Brexit-Deal regelt im Wesentlichen die folgenden drei Punkte:

  • Großbritannien muss für bereits eingegangene Verpflichtungen in der EU rund 43 Mrd. Euro zahlen.

  • Rechte von EU-Bürgern im VK und britischen Staatsangehörigen in der EU bleiben vorerst unverändert.

  • Sollte es keine Einigung über die Grenze zwischen dem EU-Mitglied Irland und der britischen Provinz Irland geben, bleibt Großbritannien so lange in der Zollunion mit der EU, bis eine Lösung erzielt worden ist. Hier spricht man vom sog. Backstopp.

Das Abkommen regelt aber auch den Transport zwischen der EU und den Ländern England, Schottland und Wales. Für Nordirland gelten durch das Nordirland-Protokoll des Austrittsabkommens Sonderregeln. Das hat Auswirkungen, denn der Deal ist aufgrund dessen nicht als vollständig zu betrachten.

Im Januar 2021 wurde jeder fünfte Lkw bei der Einreise nach Großbritannien abgewiesen. Und in Richtung Kontinent exportierte Großbritannien bis Ende Januar 2021 so gut wie nichts in die EU. Rund 40 % der Lkws sind wieder leer zurück von der Insel gekommen.

 

Transport- und Verkehrswege im Einzelnen

Straßengüterverkehr

Zölle, Kontrollen und dadurch entstehende Verzögerungen durch teilweise lange Abfertigungszeiten haben den freien Warenverkehr abgelöst. Zusätzliche Kosten entstehen und verteuern die Waren. EU-Verkehrsunternehmer, die im Besitz einer gültigen EU-Gemeinschaftslizenz sind, dürfen jedoch weiterhin Beförderungen von und nach Großbritannien durchführen.

Eisenbahnverkehr

Sowohl auf britischer als auch auf französischer Seite entsteht durch die neue EU-Außengrenze eine Zollabfertigung. Dadurch kommt es auch hier zu erheblichen Wartezeiten und erhöhten Kosten.

Luftverkehr

Im Handels- und Kooperationsabkommen zwischen der EU und Großbritannien wurde vereinbart, dass der Überflug und die nicht-kommerzielle Zwischenlandung sowie der direkte Hin- bzw. Rückflug zur Beförderung von Fracht oder Passagieren zwischen der EU und Großbritannien erlaubt sind. Aber auch bei Luftfrachten entstehen Verzögerungen und höhere Kosten durch Zölle und Kontrollen.

Schiffsverkehr

Bei der Schifffahrt sind die geringsten Auswirkungen zu vermelden. Nichtsdestotrotz sind auch hier Wartezeiten bei den Abfertigungen in den Häfen aufgrund von Einreise- und Zollformalitäten nicht auszuschließen. Als Resultat der neuen Regelungen bleiben viele Fähren und Autobahnen nahezu leer. Trotzdem ist die Erwartungshaltung an einen funktionierenden Warenfluss groß.

Die neuen Begebenheiten führen bei vielen Spediteuren dazu, die Notbremse zu ziehen: DB Schenker nimmt beispielsweise nur zwei Wochen nach dem Austritt von Großbritannien keine Sendungen mehr an. Warum? Es fehlen die notwendigen Zollpapiere, und der damit verbundene Mehraufwand kann nicht bewältigt werden. Die etablierten Paketdienste reagieren ebenfalls mit einem Annahmestopp. Mittlerweile schränkt sogar der Onlineversandhändler Amazon seine Lieferungen nach Großbritannien ein.

Britische Waren werden teurer

Eine der Hauptaufgaben der Spedition ist es, die Kunden darauf hinzuweisen, dass sich Zölle, Steuern und Importgebühren auf die Ware spürbar verteuern können. Eine Bluse und ein Mantel aus der EU für insgesamt 280 Pfund verteuert sich jetzt um 140 Pfund (umgerechnet um 157 Euro) für Zoll, Mehrwertsteuer und andere Gebühren. Damit ist die Bestellung aus der EU uninteressant geworden. Auch ist z. B. der Handel von schottischen Meeresfrüchten mit der EU komplett zum Erliegen gekommen, denn durch die starken Verzögerungen bei den Ausfuhren verdirbt der frische Fisch.

Um die Exportverluste der Fischhändler auszugleichen, will die britische Regierung den Händlern insgesamt 23 Mio. Pfund (ca. 26 Mio. Euro) Schadensersatz bezahlen. Kleine und mittlere Unternehmen, die seit dem 01.01.2021 von Lieferschwierigkeiten betroffen sind, können bis 100.000 Pfund (ca. 113.000 Euro) beantragen, wie die Regierung mitteilte. Nichtsdestotrotz haben viele Unternehmen den Handel zwischen dem Vereinigten Königreich und der EU ganz ausgesetzt.

 

Höhere Kosten für Transporte

Nicht nur Waren verteuern sich, auch die Kosten für Transporte sind gestiegen. Zum Beispiel sind die Spot-Preise für Last-Minute-Transporte mittlerweile auf 6 Euro pro Kilometer gestiegen, verglichen mit einem bisher üblichen Durchschnitt von 1,50 bis 3 Euro.

Nein zu Zöllen und Quoten – umfangreiche Dokumentation bleibt

Wie bezeichnete es ein England-Spediteur? „Brexit-Papierkram“! Denn trotz der vereinbarten Zollfreiheit sind umfangreiche Lieferschein- und Rechnungsdokumente notwendig. Die Sorge ist, dass dies ein spürbar sinkendes Handelsvolumen zur Folge hat. Die britische Regierung wiegelt ab und spricht von „vorübergehenden“ Problemen, die sich in den nächsten Monaten einspielen werden.

Ein schwacher Trost für die Transportfirmen, und so verwundert es nicht, dass es zu ersten Protesten in London gekommen ist. Experten befürchten langfristig Umsatzeinbußen von 27 Mrd. Euro pro Jahr für britische Exporte in die EU. Dies ist nicht verwunderlich, denn die Gründe dafür liegen auf der Hand:

  • Abwertung des britischen Pfunds
  • schwächere Nachfrage
  • höhere Produktpreise durch Zölle, MwSt. und andere zusätzliche Kosten
  • steigende Bürokratie

Laut Experten ist die britische Wirtschaft schlecht auf den Brexit vorbereitet gewesen. Die EU ist für Großbritannien ein sehr wichtiger Handelspartner. Das haben u. a. Untersuchungen von Gütern ergeben, die wechselseitig nur von wenigen Lieferanten bereitgestellt werden können.

Lkw-Fahrer plagen Existenzsorgen

„Zukünftig werden wir weniger in der Tasche haben“, so ein tschechischer Lkw-Fahrer an der Grenze zu Großbritannien. Sein Kollege, ein junger Fahrer aus Rumänien, befürchtet, dass es diverse Kontrollen, Sicherheitschecks und lange Warteschlangen geben wird. Vielen macht der Wertverlust des Britischen Pfunds Sorge, denn sie planen, Teile ihres Lohns zu den Familien nach Hause zu schicken. Viele Lkw-Fahrer in der EU werden nach Kilometern bezahlt – und wollen die Touren nach Großbritannien deshalb nicht mehr machen.

Auszug aus dem Vereinigten Königreich

Schon vor dem Jahreswechsel 2020 haben Unternehmen auf beiden Seiten des Ärmelkanals ihre Lieferketten umgebaut. 14 % der EU-Firmen haben Teile ihres Geschäfts aus dem Königreich an andere Orte verlegt. 11 % haben Mitarbeiter abgezogen. Das war ein Vorgeschmack auf das, was vermutlich noch kommen wird.

Jetzt klagen britische Firmen, dass sie massiv Aufträge verlieren und dass EU-Zulieferer keine Bestellungen annehmen. Die Konsequenz daraus ist, dass auch die britischen Firmen Arbeitsplätze streichen wollen bzw. müssen. Viele britische Unternehmen klagen über steigende Kosten. Dabei gaben 32 % an, dass sie ihre Preise angehoben haben, und 41 % geben an, sie würden ihre Preise in Zukunft erhöhen. Ganz stark davon betroffen ist die Lebensmittelindustrie, denn hier gehen, laut dem Handelsblatt, über 70 % der Exporte in die EU (www.handelsblatt.com).

Auch wenn kurz vor der Jahreswende noch ein Abkommen erzielt worden ist, haben viele Unternehmen nicht so lange gewartet, sondern bereits frühzeitig agiert und Notfallpläne für den Fall eines No-Deal-Brexit umgesetzt. Damit war der Schaden schon angerichtet, und die Lieferketten wurden an vielen Stellen zerrissen, bevor der Brexit formal überhaupt vollzogen war. Wie groß der Brexit-Schaden am Ende aber wirklich ausfällt, hängt von den folgenden drei Faktoren ab:

  • den Problemen mit den Lieferketten,
  • dem künftigen Status von Nordirland
  • und der Frage, wie die Zusammenarbeit im Finanzsektor künftig geregelt wird.

 

Die zukünftige Rolle Nordirlands

Für die Nordiren hat der Sonderstatus, zugleich Teil des britischen und des europäischen Binnenmarkts zu sein, viele Vorteile. Aber das führt auch dazu, dass Nordirland weiterhin ein Brennpunkt im bilateralen Verhältnis bleiben wird.

Es wird erwartet, dass sich die wirtschaftliche Integration zwischen Nordirland und dem EU-Mitglied Irland beschleunigen wird: Der Handel zwischen Iren und Nordiren, die Umgehung der britischen Bürokratie und damit eine mögliche politische Vereinigung der beiden Inselteile scheint möglich. Das kann nicht im Sinne von Großbritannien sein, und London wird alles dafür tun, eine solche Bedrohung des eigenen Staatsgebiets zu verhindern.

Gefährdung der Lieferketten

Zwar bleibt der Güterhandel über den Ärmelkanal zollfrei, aber trotzdem werden künftig Kontrollen nötig. Denn ob Zölle anfallen oder nicht, hängt u. a. auch davon ab, wie viel Prozent eines Produkts in Großbritannien gefertigt wurde. Der Fährhafen in Dover und der benachbarte Euro-Tunnel sind dabei das Nadelöhr zwischen Großbritannien und dem Festland. Täglich kreuzen hier zehntausend Lastwagen die Grenze.

Folgende Vorbereitungen haben Speditionen u. a. getroffen, um eine möglichst reibungslose Transportabwicklung zwischen dem Vereinigten Königreich und der EU zu gewährleisten:

  • Die erforderlichen Erlaubnisse und Registrierungen wurden eingeholt und Prozesse zur Vorabverzollung wurden implementiert.
  • Die Regeltransporte von und nach Großbritannien sind aufrechterhalten worden und feste tägliche Plätze auf den Fährverbindungen wurden gebucht.
  • Vermeidung des Landwegs via UK nach Irland und teilweise Umstellung der Lieferketten. Außerdem ist das Fahrpersonal entsprechend auf die Situation an den Grenzen vorbereitet worden.
  • Die IT-Systeme sind angepasst worden.
  • Weitere Grenzbüros sind eröffnet worden.
  • Die Lagerbestände sowohl in der EU, als auch in Großbritannien sind erhöht worden.
  • Die Kunden werden täglich durch Newsletter auf den neuesten Stand gebracht.
  • Es sind Checklisten für die Import- und Exportverkehre entworfen worden.

Man kann davon ausgehen, dass Verlader von und nach Großbritannien zukünftig die Dienste von exklusiv operierenden Transportunternehmen in Anspruch nehmen müssen. Die Spediteure werden überwiegend die Abwicklung der Zollformalitäten übernehmen und sich das auch bezahlen lassen. Denn nicht nur die Erledigung der Dokumente an sich, sondern v. a. die viel längeren Bearbeitungszeiten pro Sendung, die gestiegene Komplexität sowie die größere Verantwortung haben zur Folge, dass die Preise für Versendungen zwischen der EU und dem Vereinigten Königreich allgemein steigen werden.

Welche Preissteigerungen schlussendlich durchzusetzen sind, werden die nächsten Monate zeigen. Nach einem Jahr „Brexit“ Ende 2021 kann ein umfassendes Fazit gezogen werden. Es werden diejenigen Speditionen die Nase vorne haben, die Expertise bezüglich der neuen Zollbestimmungen haben und diese schnell in ihre Prozesse integrieren können. Dabei hilft eine gute digitale Positionierung (z. B. digitale Zollprozesse).

Die neue Situation birgt für Dienstleister aber auch die Möglichkeit, neue Umsatzquellen zu erschließen. Denn wenn Prozesse komplexer und bürokratischer werden, sind Experten gefragter denn je. Das bedeutet, dass Spediteure und Logistiker mit dem größten Know-how in diesem Spezialmarkt die besten Chancen haben, den Kunden zufriedenstellende und umsetzbare Lösungen anbieten zu können.

Fazit

Trotz aller Erschwernisse und Unsicherheiten: Für viele Unternehmen birgt der Brexit auch die Chance, die Lieferkette flexibler und damit krisensicherer zu machen. Beispiele sind etwa die gemeinsame Nutzung von Containern oder eine Intensivierung der Zusammenarbeit zwischen Versendern, Logistikunternehmen, Spediteuren und Zollagenten bei der Routenplanung. Letztlich werden diejenigen profitieren, die trotz sprichwörtlich schwerer See ihre Ziele erreichen – auch wenn das bedeutet, vom bislang gewohnten Kurs abzuweichen.

Der Autor

Wolfgang Rieß ist Speditionskaufmann und Betriebswirt mit Schwerpunkt Logistik. Er setzte sowohl in der Industrie als auch bei Dienstleistern internationale Projekte um, und ist Inhaber der Firma Rieß Consulting.

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